Ein Blick in die Wiege der Justiz: DVS-Besuch im Freilichtmuseum Reppichau

Am 31. Mai 2026 begab sich der DVS-Bundesverband der ehrenamtlichen Richterinnen und Richter e.V. auf eine besondere Zeitreise zu den Wurzeln der deutschen Justiz. Auf Einladung von Thomas Koßwig, dem Vorsitzenden der Vereinigung der ehrenamtlichen Richterinnen und Richter Sachsen-Anhalt/Thüringen e.V. (VER-SAT), besuchten die Teilnehmer den Geburtsort von Eike von Repgow in Reppichau.

Ein lebendiges Denkmal: Das Freilichtmuseum Reppichau

Reppichau, das sich heute stolz als „Eike-von-Repgow-Dorf“ präsentiert, beeindruckte die Delegation als ein bundesweit einmaliges Freilichtmuseum für deutsche und europäische Rechtsgeschichte. Während einer ausgiebigen Führung durch das „Kunstprojekt Sachsenspiegel“ und das Informationszentrum „Spegel der Sassen“ konnten die Teilnehmer die mittelalterliche Rechtsprechung hautnah erleben.

Innenraum Kaisersaal | Foto: Privat

Besonders hervorzuheben ist das gesamte Ortsbild: Überall im Dorf finden sich prachtvolle Metallplastiken und detailreiche Wandmalereien an den Hausfassaden, welche Szenen aus den vier berühmten Bilderhandschriften des Sachsenspiegels originalgetreu wiedergeben. Diese Kunstwerke werden oft in Eigenleistung der Bewohner finanziert und durch professionelle Kunstmaler umgesetzt, was dem Ort eine ganz besondere Atmosphäre verleiht.

Ehrenamt als Fundament der Gemeinschaft

Ein zentraler Punkt des Besuchs war die Würdigung des enormen ehrenamtlichen Engagements der Reppichauer Bürger. Der Erhalt dieses Freilichtmuseums sowie die kontinuierliche Betreuung und Pflege der zahlreichen Objekte und des Informationszentrums liegen maßgeblich in den Händen der Dorfgemeinschaft und des Fördervereins Eike-von-Repgow e.V.. Diese Leidenschaft für die eigene Geschichte und deren Vermittlung an Gäste aus ganz Europa fand bei den ehrenamtlichen Richterinnen und Richtern des Bundesverbandes große Anerkennung.

Fassade am Museum | Foto: Privat

Eike von Repgow: Der Wegbereiter des modernen Schöffenamtes

Der Besuch verdeutlichte die tiefe Bedeutung Reppichaus als Wiege der deutschen Rechtsprechung in Sachsen-Anhalt. Eike von Repgow (um 1180–nach 1233), der berühmteste Sohn des Dorfes, schuf mit dem „Sachsenspiegel“ das bedeutendste deutsche Rechtsbuch des Mittelalters.

Sein Wirken ist für das heutige Schöffenamt von unschätzbarem Wert:

  • Verschriftlichung des Rechts: Eike überführte das bis dahin mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht in eine systematische, deutsche Volkssprache.
  • Legitimation der Schöffen: Das Werk festigte die Stellung der Schöffen als unabhängige Vertreter, die Recht im Konsens sprechen, und schränkte durch klare Regeln die Willkür in der Rechtsprechung ein.
  • Europäische Strahlkraft: Der Sachsenspiegel bildete das Fundament für das Magdeburger Recht, das sich über ganz Mitteleuropa verbreitete, und trennte erstmals klar zwischen weltlicher und kirchlicher Gerichtsbarkeit.
Rittersaal_Reeppichau_VER-SAT
Thomas Koßwig im Rittersaal in Reeppichau_VER-SAT | Foto: Privat

Dass Teile des Sachsenspiegels in einigen Gebieten bis zur Einführung des BGB im Jahr 1900 Gültigkeit besaßen, unterstreicht die enorme Beständigkeit seines Schaffens.

Der Besuch in Reppichau war für alle Beteiligten nicht nur eine fachliche Bereicherung, sondern auch eine Bestärkung in ihrem eigenen Ehrenamt. In einem Dorf, das die Rechtsgeschichte so lebendig hält, wird deutlich, dass die Mitwirkung von Bürgern an der Rechtsprechung eine jahrhundertealte, stolze Tradition hat.